Der Testing-Effekt: Warum ein Quiz mehr sein kann als ein Wissenstest
Der Testing-Effekt: Warum ein Quiz mehr sein kann als ein Wissenstest
Ein Quiz wird oft als Messinstrument gesehen: Sie stellen zehn Fragen, der Mitarbeitende gibt zehn Antworten, Sie berechnen einen Punktestand, fertig. Aber ein Quiz kann mehr sein als ein Messmoment. Wenn ein Mitarbeitender versucht, eine Antwort aus dem Gedächtnis abzurufen, kann das Testen selbst Teil des Lernprozesses werden. Das wird oft der Testing-Effekt genannt.
Was ist der Testing-Effekt?
Der Testing-Effekt beschreibt das Phänomen, dass das Abrufen von Informationen durch einen Test oder eine Übungsfrage die spätere Erinnerung stärker verbessern kann als erneutes Studieren allein. Er ist damit im Grunde eine spezifische Anwendung von Retrieval Practice: Das Phänomen ist umfassend erforscht, und Literaturübersichten beschreiben es als einen robusten Effekt innerhalb der Lern- und Gedächtnisforschung. Eine wichtige Nuance ist, dass nicht jeder Test automatisch eine gute Lernaktivität ist: Das Design ist entscheidend.
Ein Beispiel
Angenommen, ein Mitarbeitender hat eine Sicherheitsschulung absolviert. Bei Methode A verschicken Sie nach der Schulung die wichtigsten Verfahren erneut als PDF, und der Mitarbeitende kann das Dokument lesen. Bei Methode B stellen Sie die Frage, welche drei Schritte jemand befolgt, wenn er Situation X antrifft, woraufhin der Mitarbeitende nachdenken muss und anschließend Feedback erhält. Methode B spricht das Gedächtnis aktiv an, während Methode A meist passives Wiedererkennen erzeugt.
Warum ist Feedback wichtig?
Forschung zu Retrieval Practice zeigt, dass der Vorteil des aktiven Abrufens oft stärker ist, wenn Feedback folgt. Praktisch bedeutet das: Frage, Antwort, Feedback ist meist interessanter als Frage, Punktestand, fertig.
Ein gutes Quiz ist keine Prüfung
Bei der Wissensretention wollen Sie nicht unbedingt, dass sich Mitarbeitende erneut bewertet fühlen. Sie können die Aktivität als 'einfach mal abrufen, was Sie noch wissen' positionieren, was die psychologische Hürde senkt.
Offene Fragen versus Multiple Choice
Es gibt verschiedene Möglichkeiten, Abrufen zu organisieren. Multiple Choice ist einfach, schnell und skalierbar, aber Wiedererkennen kann eine Rolle spielen, und jemand kann raten. Bei einer offenen Frage muss der Mitarbeitende die Antwort selbst produzieren, was in der Regel aktiveres Abrufen erfordert. Forschung zeigt, dass das Format des Abrufens relevant sein kann, wobei einige Vergleiche einen Vorteil für freies Erinnern gegenüber unterstütztem Erinnern zeigen.
Im Gegenteil: Für Unternehmensschulungen kann Multiple Choice sehr praktisch sein. Sie können zum Beispiel ein Szenario erstellen wie 'Sie sehen Situation X, was tun Sie zuerst?' mit Antwortoptionen, die alle plausibel sind. So testen Sie nicht nur, ob jemand ein Faktum kennt, sondern ob er die richtige Entscheidung treffen kann.
Machen Sie Fragen zunehmend schwieriger
Ein gutes Retentionsprogramm könnte mit einer Faktenfrage in Woche 1 beginnen, einer Verfahrensfrage in Woche 2, einem Szenario in Woche 4, einem komplexeren Szenario in Woche 6 und einer Kombination mehrerer Themen in Woche 8. Damit verschieben Sie sich schrittweise von Wissen zu Anwendung.
Ein Quiz liefert auch Daten
Das ist für Stiqqo interessant: Jede Frage liefert Informationen. Beantworten 94% Frage 1 richtig und 87% Frage 2, aber nur 59% Frage 3, verdient Frage 3 vielleicht zusätzliche Aufmerksamkeit. Sie könnten diese Frage erneut anbieten, eine Erläuterung hinzufügen, ein anderes Szenario erstellen oder das Thema später erneut testen. So wird Assessment Teil des Lernprozesses statt eines Endpunkts.
Der Testing-Effekt und Retention
Ein starker Retentionszyklus sieht so aus: Lernen, eine Frage, eine Antwort, Feedback, später erneut fragen, anwenden, messen. Der wichtigste Unterschied zu einer klassischen Evaluation ist, dass der Test nicht das Ende ist. Der Test wird Teil des Lernens.
Fazit
Ein Quiz kann natürlich Wissen messen. Aber eine gut gestaltete Abrufaktivität kann auch dazu beitragen, es zu erhalten. Die Frage ist daher nicht, wie viele Fragen Sie stellen sollten, sondern welches Wissen Mitarbeitende später selbstständig abrufen und anwenden können sollen. Das ist ein viel stärkerer Ausgangspunkt für Wissensretention.